"Wir rekrutieren Menschen"

Der Graduate Campus lud am 4. Juni 2015 im Rahmen der Jahresveranstaltung zu einer Podiumsdiskussion ein. Mit der Frage „Wie ist Exzellenz messbar?“ sollte die quantitative Bewertung von Forschungsarbeit im Rahmen der akademischen Nachwuchsförderung kritisch betrachtet werden.
Anhand von quantitativen Parametern wird versucht, wissenschaftliche Leistung zu messen. Die Konsequenz daraus ist eindeutig: Forschende, welche eine akademische Karriere anstreben, müssen zunehmend versuchen, solchen Kriterien zu entsprechen. Die Bewertung von Forschenden und ihren Projekten geschieht zunehmend über Statistiken und Rankings. Der Impact Faktor misst das Renommee von Zeitschriften, während der Hirsch-Faktor die Zitationen beispielsweise eines Artikels zählt. Publikationen in Zeitschriften mit hohem Impact Faktor tragen zur Anerkennung der Forschenden bei. Ursprünglich wurde der Impact Faktor geschaffen, um Bibliothekare bei der Journalsuche zu unterstützen. Heute verwendet man ihn auch als Messfaktor für die Beurteilung der wissenschaftlichen Relevanz eines Artikels.
Katja Gentinetta, Politikphilosophin, leitete die Diskussionsrunde. Mit dabei waren Rektor Michael Hengartner, Juliane Schiel, Oberassistentin am Historischen Seminar, die Literaturprofessorin Sylvia Sasse, Wirtschaftsprofessorin Margit Osterloh sowie der Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, Peter Meier-Abt. „Wer und wie wird gemessen?“ wollte Gentinetta wissen und fragte nach, ob man nicht auch Sozial-, Führungs- und didaktische Kompetenzen messen müsse. Peter Meier-Abt stellte fest, dass man sich in der Wissenschaft schon seit längerer Zeit mit Bewertungskulturen auseinandersetze. Es sei „schwer, in der frühen Phase des Studiums die Chance auf eine faire Bewertung der eigenen Leistung zu bekommen.“ Weiter betonte er, dass Kontinuität und Reproduzierbarkeit in der Forschung wichtiger seien als quantitativ-metrische Faktoren. Die Lehrstuhlinhaberin für Slavische Literaturwissenschaft, Sylvia Sasse betonte, dass Exzellenz in den Geisteswissenschaften zwar nicht messbar, aber beurteilbar sei. „Die Frage des Abends setzt aber eine solche Messbarkeit voraus“, bemerkte sie. Da fast ausschliesslich englische Publikationen gemessen werden, kommt es laut Sasse zu Verfälschungen. Kleinere aber für ihre Fachgebiete wichtige Publikationen in anderen Sprachen haben natürlich keinen hohen Impact Faktor. Sie plädierte für die Beurteilung wissenschaftlicher Leistung nach disziplinären Gepflogenheiten. Das kritische Hinterfragen der Debatte liegt ihrer Meinung nach in der Verantwortung der Geisteswissenschaftler.
Auf Gentinettas Frage, was Exzellenz überhaupt bedeute, meinte der Rektor der Universität Zürich bestimmt: „etwas, das andere Menschen bewegt, beeinflusst, sie weiterbringt.“ Margit Osterloh fügte hinzu, dass es in der Forschung vor allem „die Ergebnisse, die die Diskussion bereichern“ seien, welche als exzellent bezeichnet werden können. Für Peter Meier-Abt stand der Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft an erster Stelle. Für Juliane Schiel, auch Post-Doc-Vertreterin am Graduate Campus, bedeutet exzellent „über die Massen anregend". „Ein hohes Mass an Kritikfähigkeit“ sei ein wichtiges Charakteristikum von exzellenter Forschungsarbeit. Nach diesen Antworten mochte man beinahe meinen, dass alle Anwesenden noch nie etwas von Impact oder Hirsch-Faktoren gehört hätten. „Lebt man da in zwei Welten? Ist man ein bisschen schizophren?“ wollte Katja Gentinetta wissen. Sylvia Sasse entgegnete, dass es sehr wichtig sei zu wissen, wie man gerecht beurteile und welche Evaluationen überflüssig seien. Dabei lege sie Wert auf seriöses Arbeiten, Originalität und Brisanz der Forschungsarbeit. Die Moderatorin wollte es von Rektor Hengartner noch genauer wissen: „Wieviel zählt der Impact Faktor?“ „Null. Wir rekrutieren Menschen. Nein, ich schaue nicht danach. Wir wollen exzellente Menschen haben, welche Ideen haben und stimulierend sind.“
„Wunderschön gesprochen“ meinte Meier-Abt, doch er erlebe die Welt anders. Ein Teamleiter müsse auch Karriere machen, und es passiere auf den unteren Levels, dass „die Jungen geopfert werden“. Es herrsche ein wachsendes Konkurrenzverhältnis unter den Forschenden. Auch Osterloh hielt Hengartners Einschätzung für optimistisch. Schiel erklärte, dass jedes Gremium bestimmten Kriterien folgen müsse, um eine Professur bei über 100 Bewerbern zu vergeben. Zu unterscheiden sind dabei harte - wie etwa die Länge der Publikationsliste oder das Alter - und weiche Kriterien. Ob sich die jeweilige Berufungskommission dafür Zeit nimmt, „nach Menschen zu suchen“ hänge vom Glück ab. Aufgrund der wachsenden Skepsis gegenüber dem Impact Factor wurde 2012 in San Francisco die Declaration of Research Assessment (DORA) verabschiedet. Seither unterschrieben über 10'000 Personen und 400 Organisationen die Deklaration. Gemeinsam entschied man sich gegen die Verwendung von „journal-based metrics“ und für die Förderung anderer Beurteilungsmöglichkeiten. Sowohl Herr Hengartner persönlich als auch seine Fakultät haben die DORA unterzeichnet; die Universität Zürich nicht. Alle monieren, es gäbe keine adäquaten Kriterien, so Margit Osterloh. Aber welche Alternativen zu den metrischen Faktoren gibt es denn? Juliane Schiel musste sich diese Frage schon mehrmals stellen und kennt sowohl Vor- als auch Nachteile verschiedener Verfahren genau kennt. Sie wies auf die Peer-Review-Verfahren hin. Um Qualität zu gewährleisten brauche es fachspezifische Plattformen, Transparenz und die Sichtbarkeit der Beurteilenden. Auch das Post-Publication-Peer-Review-Verfahren sei laut Osterloh eine gute Möglichkeit der Bewertung, da es widersprüchliche Gutachten weniger als Manko erachtet, sondern vielmehr als Zeichen produktiver Forschung. Osterloh sprach von einem Lock-in-Effekt. Dieser Anbindeeffekt bedeutet, dass es den Forschenden erschwert wird, sich vom Bewertungssystem zu lösen. „Die Idiotie des Verfahrens muss von oben aufgebrochen werden“, plädierte sie. Das Peer-Review sei als wichtiges Verfahren ein grosser Schritt in die richtige Richtung. Auf diesem Weg gäbe es noch vieles vom angelsächsischen System zu lernen, meinte Schiel und forderte mehr Anerkennung für verschiedene Karrierewege. Eine Diversifizierung der verschiedenen Wege sei erst möglich, wenn nicht länger ein „Nadelöhr Professur“ imaginiert werde.
Am Ende der Diskussion war klar, dass die vorherrschenden Bewertungstrukturen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Karrieren von Nachwuchsforschenden haben. An Alternativen wird zwar gearbeitet, doch bis sich solche etablieren könnten, ist es ein weiter Weg. Auch hatten die jeweiligen Herkunfts-Disziplinen der Diskutierenden und deren unterschiedlichen Situationen grossen Einfluss auf die Meinungen und Positionierung zur Frage „Wie ist Exzellenz messbar".
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