Mit dem Nuggi und der Diss. in der Aktentasche...

Schon die Reaktionen auf die Ankündigung der Veranstaltung liess erahnen, dass mit dieser Thematik ein Nerv getroffen wurde: Welche Karrierechancen hat man als Mami oder Papi an der UZH? Was tut eigentlich die Universität, um die Vereinbarkeit von Elternschaft und Wissenschaft zu ermöglichen? Und wo besteht Potential?

Um diese und weitere Fragen drehte sich das Postdoc Meetup! vom 26. Oktober 2015, das vom Graduate Campus in Kooperation mit der Abteilung Gleichstellung organisiert wurde.

Prof. Dr. Franco Guscetti stellte als Vertreter der Gleichstellungskommission in einem kurzen Inputreferat seine persönliche Perspektive dar und warf die Frage auf, ob entweder Familie oder Arbeit das Leben definiere. Im Auftrag des Rektors konzipiert die Abteilung Gleichstellung eine Antwort für die UZH. Darin zeige sich die Bedeutung, welche die Uni besagtem Thema beimesse, so Guscetti. Er machte klar, dass die Uni als äusserst kompetitives Arbeitsumfeld gelte, in welchem jedoch Diversität als Quelle von Kreativität, Teamwork sowie Eigenverantwortung grossgeschrieben wird.

Dass ein Bedürfnis zur Auseinandersetzung mit Vereinbarkeitsfragen von Elternschaft und Wissenschaft besteht, zeigt sich u. a. in den Bestrebungen der UZH, sich mit entsprechenden Prädikaten hervorheben zu wollen. Beispielsweise interessiere man sich für das Label „great place to work“ oder „Charta Familie an der Hochschule“. Zeiträume der Gültigkeit, Bewerbungsverfahren und Anforderungen solcher Label variieren stark. Die Universität Zürich hat bis dato noch nicht entschieden, welches angestrebt werden soll. Tanja Neve-Seyfarth von der Abteilung Gleichstellung betonte, dass es wichtig sei, wesentliche Grundsätze eines Prädikats nicht bloss auf dem Papier festzuhalten, sondern dass diese auch gelebt werden müssten.

Politisch tut sich also etwas. Doch welche konkreten Massnahmen gibt es schon jetzt an der UZH? Als gutes Beispiel ist hier die von der Uni mitsubventionierte kihz Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich zu nennen. Die Geschäftsführerin Monika Haetinger zeigte klar, welche Angebote die Stiftung bisher bietet und in welchem Umfang diese von der Universität mitgetragen werden. Für die hervorragende Kinderbetreuung bei kihz gab es auch Lob aus dem Publikum.

Tanja Neve-Seyfarth von der Abteilung Gleichstellung machte auf weitere Angebote der UZH aufmerksam. Eines davon ist beispielsweise das Formular „Gesprächsnotizen Elternschaft“, welches Gespräche zu geplanter Elternschaft zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden unterstützen soll. Viel zu oft entstünden nach der Geburt eines Kindes bei Rückkehr der Nachwuchswissenschaftlerinnen Missverständnisse bezüglich der wieder aufzunehmenden Tätigkeit aufgrund vorab nicht schriftlich festgehaltener Kommunikation zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden, so Neve-Seyfarth. In der Diskussion mit dem Publikum stellte sich heraus, dass ein grundsätzliches Bedürfnis nach mehr Kommunikation und Erfahrungsaustausch zwischen allen Karrierestufen besteht. Die Möglichkeit, Probleme und Fragen zum Thema Elternschaft und Wissenschaft mit anderen Doktorierenden, Postdocs oder auch jungen Professorinnen und Professoren diskutieren zu können, wird geschätzt.

Auf die Frage, ob eine Teilzeitanstellung möglich sei, meinte Guscetti, dies stehe und falle mit der Chefin bzw. dem Chef. Er plädierte für eine Offenheit gegenüber Laufbahnen mit Teilzeitarbeit. Eine notwenige Kompromissbereitschaft von Arbeitgeber- wie Arbeitnehmerseite kristallisierte sich heraus: Misst man bei der Vergabe einer Professur lediglich mit quantitativ-metrischen Faktoren wie etwa dem Impact Faktor, so hat ein engagierter Nachwuchsforscher und Vater deutlich schlechtere Chancen. Hier wurden Stimmen aus dem Publikum laut, dass sogenannte soft skills wie Organisationsfähigkeit, Zuverlässigkeit oder Effizienz als Vorteile der Elternschaft betrachtet werden müssten. Viele wünschten sich die Sichtbarkeit von Vorbildern, welche dies bestätigen könnten.

Wie gehen andere Institutionen mit solchen Fragen um? Die ETH zeichnet seit 2007 mit dem „Goldenen Dreirad“ familienfreundliche Vorgesetzte aus, denen es gelingt, Teamstrukturen zu schaffen, welche Mitarbeitenden die Vereinbarkeit von Familienleben und Arbeit ermöglichen. Individuelle und flexible Lösungen sind dabei wichtig. Auch die Uni Bern geht mit gutem Beispiel voran. Der sogenannte „Eltern-Kind-Raum“ bietet Arbeits- und Spielraum bei Betreuungsengpässen oder kann als Besprechungszimmer genutzt werden. Ein solcher öffentlich zugänglicher Raum im Zentrum eines Gebäudes strahlt sowohl nach innen wie auch nach aussen eine Bereitschaft zum Umgang mit Vereinbarkeitsfragen aus und könnte inspirierend sein für Um- oder Neubauprojekte der UZH.

Welche Lösungsansätze und Formate wären fruchtbar? Als erster Punkt wurde die Änderung von Mutterschafts- in Elternschaftsurlaub aufgezählt. Zudem brannte vielen Anwesenden die Klärung von Ferienbetreuungsproblemen hinsichtlich der langen Schulferien unter den Nägeln. Aus dem Publikum kam die Frage, ob es nicht wünschenswert wäre, Workshops zur Vereinbarkeit für die Führungsebene anzubieten. Gewünscht wurden ausserdem Lösungen für die geforderte Mobilität von Nachwuchsforschenden sowie eine weitergehende Förderung von Krippenplätzen durch die UZH. Die allgemeine Stimmung liess erkennen, dass auch fortan von der Möglichkeit, über solche Themen sprechen zu können, Gebrauch gemacht werden wird. Es herrschte Einigkeit darüber, dass zukünftig in einem regelmässigen Format – welcher Art sei hier offen gelassen – miteinander an Lösungen im Kleinen wie auch im Grossen gearbeitet werden sollte.

Forderungen gibt es viele. Ansätze auch. Fakt ist, dass die Universität die Problematik der Vereinbarkeit von Aktentasche und Nuggi erkannt hat.